Freitag, 6. Dezember 2013

Projektalltag in Hermannsburg


In zehn Tagen geht bereits mein Flieger zurück nach Deutschland...
...Ein wenig freue ich mich schon auf die weihnachtliche Stimmung und die Weihnachtsmärkte (die gibt es hier leider nicht), da ich mich trotz der vielen Christmaspartys und dem nass-kalten Wetter noch nicht in der Adventszeit angekommen fühle. So ganz will der Sommer hier nicht kommen.  
 
In den letzten zwei Wochen habe ich mich mittlerweile richtig eingearbeitet. Ich habe am Vormittag im Kindergarten mitgearbeitet und mich am Nachmittag um die Kinder im Place of Safety gekümmert. Im Kindergarten war vor einer Woche Father Christmas zu Besuch, was für eine riesige Aufregung bei den Kindern gesorgt hat. Auf dem Anhänger eines Traktors fuhren alle Kinder durch das Dorf um Father Christmas abzuholen. So etwas wäre wahrscheinlich in Deutschland ohne Sondergenehmigung nicht möglich gewesen.
In der Kirche hier im Dorf wurde ich (wie überall) herzlich Willkommen geheißen. Es gibt viele Deutschsprachige und selbst die Messe findet abwechselnd in Deutsch und Englisch statt. Aus Hermannsburg raus komme ich jedoch nur selten, da es keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt und ich auf andere Leute mit Auto angewiesen bin. Es ist also völlig gegensätzlich zu Kapstadt, aber so bekommt man zumindest mal das Familienleben auf dem Land in Afrika mit. Es ist halt schon etwas mehr Afrika. 
Auch wenn man nicht so oft aus Hermannsburg rauskommt, verhungern wird man hier nicht. Jeden zweiten Abend ist man bei jemandem zum Essen eingeladen, meist zum „Bring and Braai“. Ich will gar nicht wissen, wie viel ich zugenommen habe. Bei einem Geburtstag von einem Kind aus dem Kindergarten hatte ich danach einen Zuckerschock. So viel Süßkram hab ich mein Leben noch nie bei einer Feier gesehen. „Bring and Braai“ ist übrigens wie ein Grillfest, nur dass jeder sein eigenes Grillzeug mitbringt und auch selber grillt. Die Grillstände werden meist aus großen halbierten Tonnen selbst gebaut, um die die Leute dann herumstehen, quatschen und jeder für sich grillt. Bis aber alles mal losgeht, zieht sich das hier immer ewig.
Hannah, Lena und ich wurden auch vor einiger Zeit zum Sushi essen in einem Country-Club in Greytown eingeladen von Leuten, die Uta irgendwoher kannten, uns aber noch nie gesehen haben. Sie wollten einfach mal die Praktikanten aus Hermannsburg kennenlernen. Es war schön, aber ganz verstanden habe ich es nicht, warum sie uns einluden. Das ist eben Afrika. Die Menschen sind offen, herzlich und spontan. 
Seit Montag sind Ferien, wodurch der Arbeitsalltag nun ein anderer ist. Kita aufräumen, Kinder zu Hause bespaßen, beim Catering bei der Zeugnisausgabe helfen usw. Die Zeugnisübergabe findet hier bei allen Jahrgängen feierlich statt. (Bei uns kennt man das ja meist nur von den Abschlussjahrgängen.) Gebetet wurde am Schluss auch, da es eine christliche Schule ist. Ein Segenslied wurde sogar auf Deutsch gesungen. Die Zeit mit den Kindern im POS macht viel Spaß. Nur für Alwande braucht man eine Menge Geduld, aber meistens ist sie lieb. Übrigens liebt sie Schuhe und hat da auch ihren ganz eigenen Geschmack, wie man u.a. auf dem Foto sehen kann. =)
Tiere gibt es übrigens nicht nur im POS. Mir wurde erst vor kurzem gesagt, dass ich nicht durchs hohe Gras laufen soll, da es hier Giftschlangen gäbe. Gesehen hab ich zum Glück noch keine. Dafür saß ich letzte Woche mit Amanda im Auto, wobei wir ein Summen hörten, welches immer lauter wurde. Bis ich realisiert habe, dass es ein riesiger Bienenschwarm war, war es auch schon zu spät um Türen und Fenster zu schließen. Glücklicherweise hat sich keine Biene in das Auto verirrt. Dennoch war die Größe und Lautstärke des Schwarms mehr als beunruhigend.

Im Place of Safety sind (für mich) viele neue Gesichter dazugekommen. 
Theresa und ich
So kam zum Beispiel Theresa aus ihrem Urlaub in Kapstadt zurück. Sie ist eine weitere Praktikantin im POS, welche für fünf Monate hier arbeitet. Es ist schon schöner, dass man nicht mehr die ganze Zeit allein wohnen muss und sich in die Arbeit reinteilen kann. Weiterhin durfte ich Urisha kennenlernen - ein 16-jähriges Mädchen, welches ein früherer Fall von Sven war und jetzt zu Besuch bei Sven und Uta ist. (Sven ist der Mann von Uta. Er ist Kriminologe und kümmert sich um die Vergewaltigungsopfer in und um Pietermaritzburg. Falls er keine Unterkunft für die Kinder findet, bringt er sie in das POS.) Urisha wurde Beginn dieses Jahres nach Johannesburg in ein Bordell verschleppt (Menschenhandel). Sie ist sehr zurückhaltend, fleißig und so lieb. Sie schenkt mir andauernd irgendwelche Dinge. Trotzdem merkt man ihr das Trauma noch an. Sie ist öfters abwesend und sehr ruhig. Kwandile ist auch zu Besuch über Weihnachten da. Sie ist 19 Jahre und sitzt aufgrund einer Verfolgungsjagd im Rollstuhl. Sie wurde ebenso verschleppt, was jedoch bemerkt wurde. Dadurch kam es zu einer Verfolgungsjagd, welche in einem Unfall endete. Die Verbrecher starben und Kwandile überlebte – querschnittsgelähmt. Sie achtet sehr auf ihr Aussehen und ist sehr unabhängig. Mich wundert es, wie sie fast alles alleine schafft. Felicia (13) war auch schon einmal im POS untergebracht und bleibt nun bis Weihnachten.    

Von Amanda und Alwande mussten wir uns gestern verabschieden. Amanda geht nach über einem Jahr im POS in eine Pflegefamilie. Den Anruf erhielt sie einen Tag davor, da es die Sozialarbeiterin einfach vergessen hatte. Sie hatte gar keine Zeit um sich darauf vorzubereiten, wodurch sie sich sehr schwer tat. Die lockere Einstellung der Südafrikaner hat also auch ihre negativen Seiten.
Mit Alwande fuhren wir nach Pietermaritzburg, da von einer Schutzorganisation eine Weihnachtsfeier für vergewaltigte Kinder veranstaltet wurde und sie von ihrer Mutter dort abgeholt wurde. Alwande hatte nichts weiter mit als ihre Sachen am Leib, ein Spielzeug und einige Unterlagen. Sie hatte alles was sie brauchte, aber trotzdem war es ein eigenartiges Gefühl. Sammy und Felicia vom POS nahmen ebenfalls neben ca. 50 anderen Kindern an der Veranstaltung teil. Sammys Mama habe ich auch kennengelernt. Sie hat Aids im Endstadium und alle wundern sich, dass sie überhaupt noch lebt. Sammy hängt sehr an ihrer Mutter. Mir tut es jetzt schon leid, wenn es soweit ist.
Die Kinder auf der Feier wirkten jedoch ausgelassen und glücklich. Es gab einen Clown, Kinderschminken, Unmengen an Süßigkeiten und viele Geschenke für jedes Kind. Der Abschied von Alwande zum Ende hin fiel schon schwer, vor allem bei dem Gedanken, dass der Nachbar, der sie vergewaltigt hat, aufgrund fehlender Aussagen noch nicht verhaftet wurde und weiterhin in der Nachbarschaft lebt. Die Mutter von ihr hatte kaum angerufen als sie im POS war, aber sich zumindest im Nachhinein bedankt. Ich kann das trotzdem nicht verstehen. Sven erzählte mir, dass alle Kinder auf der Weihnachtsfeier Vergewaltigungsopfer sind. Die Rate in Pietermaritzburg ist unheimlich hoch (1,8 Fälle am Tag). Auf dem Rückweg fuhren wir durch das Township, in dem Sammy wohnt. Es wirkt sehr ärmlich, da der Großteil der Hütten aus Lehm und Stroh besteht. In so einem Haus wohnt auch Sammy mit ihrer Familie. Das hat mich geschockt.
Die Landschaft um Pietermaritzburg ist dafür wundervoll. Die Weite, das viele Grün, die Hügel und afrikanischen Bäume – alles ist so schön. Hier in KwaZulu-Natal wird (wie der Name schon sagt) vorrangig Zulu und Englisch gesprochen. Kwandile hat mir gestern Abend beim Braai mit Praktikantinnen aus Greytown einen Zulu-Rock geschenkt, den sie selbst gemacht hat. Das ist so lieb.
Der heutige Tag war entspannend. Theresa, Urisha, Felicia, Sammy und ich liefen um den Damm in Hermannsburg und genossen die wundervolle Gegend entlang am Fluss und den Wäldern. Der Nikolaus war übrigens auch in Südafrika da. =)


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen